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Schüttgut, Stückgut und die unverpackten Lieferwege

Ein Beitrag von Andrea Kusel

Eigentlich scheint es ganz klar: Ein Unverpackt-Laden ist ein Laden, in dem man unverpackt einkaufen kann. Doch hier bei Stückgut geht es uns nicht nur darum, die Waren verpackungsfrei an unsere Endkunden abzugeben, sondern wir möchten auch auf dem gesamten Lieferweg möglichst wenig Müll entstehen lassen.

Diese simple Logik in die Tat umzusetzen ist nicht immer ganz einfach. Unterschiedliche Produkte eignen sich unterschiedlich gut für den verpackungsarmen Lieferweg und in manchen Bereichen sind bereits gute Lösungen etabliert, in anderen ist der Weg noch weiter.

Am liebsten beziehen wir die meisten Waren in Mehrwegbehältern, die wir nach dem Abverkauf des Inhalts reinigen und an den Lieferanten zurückschicken können, damit der sie erneut befüllt. Mehrwegbehälter haben den Vorteil, dass ihr vielfacher Gebrauch die zu ihrer Herstellung aufgewandten Ressourcen besser rechtfertigt.

Die Verwendung der Mehrwegverpackungen erfordert allerdings einigen räumlichen, zeitlichen und logistischen Aufwand sowohl vom Lieferanten als auch von uns. Vor allem bedeutet sie einen deutlichen Bruch mit Gewohnheiten, die sich im konventionellen Handel über lange Zeit eingeschliffen haben. Wer je versucht hat, eine Gewohnheit zu ändern, wird sich vorstellen können, dass solche Änderungen nicht von heute auf morgen zu machen sind, sondern steten Einsatz erfordern.

Bewährte Methoden

Gerade für Lebensmittel lässt sich auf ein gut etabliertes System an Pfandbehältern zurückgreifen. Jeder kennt den Joghurt im 0,5-Liter-Pfandglas, die Milchflasche oder die Sechserkiste mit Wasserflaschen. Diese Behälter sind in ihrer Größe genormt und lassen sich aufgrund ihrer ausgeklügelten Formgebung und der weiten Verbreitung sehr gut händeln. Lieferanten sind den Umgang mit solchen Pfandgläsern und -flaschen gewohnt. Der nötige Platz für ihre Lagerung ist ebenso vorhanden wie die Anlagen für die Reinigung. Es spricht eigentlich nichts dagegen, auch andere Lebensmittel als nur Getränke oder Molkereiprodukte in diesen Gefäßen zu verkaufen. Das dachte sich auch unser Großhändler Bananeira, dank dem wir mittlerweile auch passierte Tomaten, Fix-Gerichte und Kokosöl in Pfandgläsern anbieten können.

Ebenso gute Vorbedingungen bestehen für Obst und Gemüse. Diese erreichen uns in haltbaren Plastikkisten, in denen wir sie auch lagern und zum Verkauf ausstellen können. Auch diese sind im Lebensmittelhandel allgemein gang und gäbe.

Neue Wege

Weniger gut etabliert sind Mehrwegbehälter für große Gebinde von trockenen Lebensmitteln, die vor Feuchtigkeit geschützt werden müssen, oder für Öle und andere Flüssigkeiten. Viele unserer Getreideprodukte beziehen wir in großen Papiersäcken, die nötigenfalls ein dünnes Innenfutter aus Plastik enthalten, das den Schutz vor Feuchtigkeit gewährleistet. Die Kombination von Plastik und Papier erlaubt es, Plastik zu sparen, da für den bloßen Feuchtigkeitsschutz eine sehr dünne Schicht Kunststoff ausreicht. Seine mechanische Stabilität erhält der Sack durch das Papier, das aus nachwachsenden Rohstoffen besteht und besser wiederverwertbar ist als Plastik.

Auch hierbei handelt es sich natürlich noch um Einwegverpackungen – obwohl wir uns bemühen, jeden geleerten Sack einer weiteren Benutzung zuzuführen. Durch unsere sehr großen Gebinde entfällt aber immerhin schon deutlich weniger Verpackungsmüll auf eine Einheit des Inhalts als im konventionellen Einzelhandel. Selbst diesen Mindeststandard der Müllvermeidung zu erreichen erforderte schon einen langen Atem. Für Schokolade und Nudeln beispielsweise haben wir erst vor wenigen Monaten Quellen gefunden, von denen wir sie in wirklich großen Gebinden und in Papier statt Plastik beziehen können.

Bei anderen Produkten taten wir uns deutlich leichter. In Sachen Kaffee zum Beispiel erreichen wir schon seit Eröffnung des ersten Ladens unseren Goldstandard: Der solidarisch gehandelte Kaffee wird von El rojito mit dem Lastenfahrrad im Pfandeimer zu uns gebracht. Die geleerten Eimer geben wir den Fahrern bei der nächsten Lieferung wieder mit. Dann werden sie gereinigt und sind bereit für die nächste Runde.

Persönlicher Einsatz

Längst funktioniert die Mehrwegeimer-Strategie nicht mehr nur beim Kaffee. Viele andere Lieferanten zeigen sich offen für unsere „speziellen Anforderungen“ oder haben sich gar selbst die Müllvermeidung auf die Fahnen geschrieben und tüfteln mit uns gemeinsam so lange, bis die optimale Lösung gefunden ist. Die beliebten Crunchy-Müslis müssen zum Beispiel unbedingt vor Feuchtigkeit geschützt werden. Sonst gibt es am Frühstückstisch lange Gesichter. Dennoch beziehen wir diese Müslis mittlerweile in plastikfreier Verpackung – dank reiner Zellglasfolie. Diese besteht zu 100% aus nachwachsenden Rohstoffen, ist als eine Art Frischhaltefolie wiederverwendbar und tatsächlich biologisch abbaubar – auch auf dem Komposthaufen im Garten. Da Zellglas nicht besonders reißfest ist, sorgen beim Müslitransport Pappkartons für zusätzliche Stabilität.

Auch einen Reinigungsmittelhersteller, dem das Ressourcensparen selbst wichtig ist, haben wir inzwischen gefunden: Uni Sapon. Insa ist selbst hingefahren und konnte sich mit eigenen Augen davon überzeugen, wie dort unsere geleerten Kanister von Geschirrspülmittel und Co. gereinigt und wieder befüllt werden.

A propos hinfahren: Um in diesem Jahr noch mehr leckere Weihnachtsnaschereien anbieten zu können, sind unsere beiden Geschäftsführerinnen selbst vorübergehend in die Logistikbranche eingestiegen. Mit dem Hackenporsche ging es im Zug nach Lübeck, um die saisonalen Marzipan- und Schokospezialitäten abzuholen. Wiebke Euler von Unverpackt Lübeck hatte beim dort ansässigen Hersteller Lubs für ihren eigenen Laden und Stückgut eingekauft. Wie auch Schokovida, der Hersteller unserer Schokoladen-Nikoläuse, hat Lubs für uns den Herstellungsprozess vor dem üblichen Verpackungsschritt unterbrochen und die nackten Produkte einfach in den ohnehin für die Herstellung nötigen Formen gelassen. Für uns eignen die sich prima als Transportverpackung … und um Pralinen selber zu machen.

In die richtige Richtung weiter

Das, was die bestehenden Unverpackt-Läden derzeit machen, ist Pionierarbeit. Die dabei entdeckten Methoden erfordern mehr von bestimmten Ressourcen, die im konventionellen Handel knapp kalkuliert sind, allen voran Zeit. Mehrwegbehälter müssen pfleglich behandelt und gründlich gereinigt werden. Auch die Logistik kostet Zeit. Dafür sparen diese Methoden aber immens an den Ressourcen, die von Natur aus begrenzt sind. Die zusehends wachsende Gruppe der Unverpackt-Läden wird intensiv wissenschaftlich begleitet und es gibt bereits einige Arbeiten, die belegen, dass bei diesem neuen Einzelhandelskonzept wesentlich weniger Müll anfällt als im konventionellen. Das ist für uns die beste Bestätigung, dass wir auf dem richtigen Weg sind. In diese Richtung werden wir weitergehen.