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Gefundenes Fressen – Nahrung draußen sammeln

Ein Beitrag von Andrea Kusel

 

Jetzt, wo wir allmählich die letzten warmen Tage des Sommers hinter uns lassen, beginnt nicht nur für die Bauern die Erntezeit. Auch an den Rändern unserer alltäglichen Wege findet – wer sich ein wenig auskennt – jetzt wieder viele leckere Produkte der wilden Natur.

Besonders die Früchte vieler Obstbaumsorten sowie Nüsse werden gerade reif und auch Pilzfreunde kommen ab jetzt auf ihre Kosten. Fast das ganze Jahr über kann man aber auch Kräuter sammeln. Wenngleich die größte Vielfalt in dieser untersten Vegetationsschicht im Frühling und Sommer herrscht, kann man doch jetzt zum Beispiel besonders gut manch schmackhafte wilde Wurzel ernten.


Hier eine kleine Übersicht, was jetzt im September typischerweise zu finden ist:
– Pilze: Maronen, Hallimasch, Boviste
– Nüsse: Haselnüsse, Walnüsse, Esskastanien
– Obst: Holunder, Hagebutten, Schlehen, Sanddorn, Kornelkirsche, Quitten, Pflaumen, Äpfel, Birnen, Heidelbeeren, Brombeeren
– Kräuter: Klette (Wurzeln), Storchenschnabel, Thymian, Nelkenwurz, Löwenzahn (Wurzel)

 

Wie finden und erkennen?

Für Anfänger ist es nicht unbedingt leicht zu erkennen, was genießbar und schmackhaft ist und wo diese Leckereien der Natur zu finden sind.

Die Frage nach dem Wo beantwortet das Projekt Mundraub.org. Es stellt eine interaktive Karte bereit, die Fundstellen verschiedener essbarer Pflanzenprodukte aufzeigt. So kann man ganz leicht herausfinden, wo beispielsweise der nächste „öffentliche“ Haselnussbaum steht. Obwohl es kaum bequemer geht, sollte man immer selbst mitdenken. Es kann nämlich jeder die Karte bearbeiten und so schleichen sich bestimmt auch hier und da mal Fehler ein. Hamburg gehört allerdings zu den Gemeinden, die ihre Baumkataster mit Mundraub.org geteilt haben. Fundstellen, bei denen „Eingetragen von Hansestadt Hamburg“ steht, sollten daher ziemlich verlässlich sein.

Obwohl überraschend viele Gaben der Natur essbar sind, sind doch auch einige weniger gut genießbar oder gar giftig. Nicht nur Speisepilze haben oft einen „bösen Zwilling“ der ihnen zum Verwechseln ähnlich sieht, aber keinesfalls verzehrt werden sollte. Meist unterscheidet der essbare Zwilling sich aber in bestimmten Merkmalen, die man nur kennen muss, um auf der sicheren Seite zu sein. Das Wissen darüber kann man sich aus entsprechenden Büchern aneignen oder einfach leibhaftige Experten zu Rate ziehen. Verschiedene Organisationen und Experten veranstalten mehrmals im Jahr Kräuterseminare oder geführte Pilzwanderungen, bei denen man neben Nahrung auch Erfahrung sammeln kann. Schon an sich sind diese Touren oft ein bereicherndes Erlebnis und eignen sich wunderbar als Geschenkidee für Naturfreunde und Zero-Waste-Ambitionierte.

Hat man bereits auf eigene Faust einen Fund gemacht und möchte sichergehen, dass dieser essbar ist, kann man ihn auch noch nach dem Pflücken durch einen Experten beurteilen lassen. Bezüglich Pilzen gibt es auf der Website der Deutschen Gesellschaft für Mykologie eine Liste von Experten in der Nähe des eigenen Wohnorts. Diese arbeiten oft ehrenamtlich.

Schadstoff- und Strahlenbelastung

Viele Menschen haben Bedenken, ob Pflanzen in der Stadt nicht sehr stark mit Schadstoffen belastet sein müssen. Und Pilze? War da nicht was mit radioaktiver Strahlung?

Zur Schadstoffbelastung durch Straßenverkehr hat Mundraub.org eine Studie ausgewertet und daraus ein paar einfache Regeln abgeleitet. So könne man von Bäumen – auch wenn diese an Straßen stehen – eigentlich immer bedenkenlos Obst und Nüsse ernten. Bei Pflanzen mit geringerer Wuchshöhe, wie Beerenbüschen und Kräutern, solle man dagegen je nach Verkehrsaufkommen auf einen gewissen Abstand zur Straße achten.

Mit der Strahlenbelastung bei Pilzen setzen sich das Bundesamt für Strahlenschutz und die Deutsche Gesellschaft für Mykologie regelmäßig auseinander. Auch in Deutschland können Pilze wegen des Reaktorunglücks von 1986 in Tschernobyl immer noch erhöht mit Cäsium-137 belastet sein. Dazu heißt es bei der DGfM: „Laut BfS seien aber keine gesundheitlichen Folgen zu befürchten, sofern selbst gesammelte Wildpilze in üblichen Mengen verzehrt werden.“ Darüber hinaus gehörte die Region um Hamburg damals nicht zu den besonders vom Fallout betroffenen Gebieten in Deutschland.

 

Regeln und Gesetze

Natürlich – schließlich befinden wir uns in Deutschland – gibt es auch für eine so ursprüngliche menschliche Tätigkeit wie das Sammeln von Nahrung gewisse Beschränkungen. Diese sind aber nicht so massiv, dass man sich dadurch den Spaß verderben lassen sollte. Eigentlich erklären sie sich sogar fast von selbst aus den normalen Regeln des sozialen Miteinanders. Mich persönlich hat lediglich überrascht, dass nicht entscheidend ist, wem der Boden gehört, auf dem eine Pflanze steht, sondern ob dieser Boden „agrarisch kultiviert“, also von einem Bauern oder jemand anderem landwirtschaftlich bewirtschaftet wird. Pflücke ich mir ohne Erlaubnis des Bauern einen Apfel aus seinem Obsthof, begehe ich Diebstahl. Ernte ich aber für den Privatgebrauch eine kleine Menge Löwenzahnwurzeln neben diesem Obsthof, so habe ich außer einem leckeren, heißen Tee nichts zu befürchten. Das gilt allerdings nur, solange ich nicht Hausfriedensbruch begehen muss, um die Pflanze überhaupt zu erreichen. Auch in Naturschutzgebieten darf man sich nicht einfach bedienen. (Quelle: Anwaltauskunft)

Ein Anlass zum Rausgehen

Mit der Nahrungssuche im Freien ist es also wie mit so vielem im Leben: Ein paar gesundheitliche Risiken gilt es zu meiden und die Rechte anderer müssen geachtet werden. Dann aber steht dem Spaß nichts mehr im Wege! Die Ernte ist ein toller Anlass, sich an der frischen Luft zu bewegen – sie gibt einem Spaziergang ein Ziel. Ich werde jetzt auch endlich mal ein paar Haselnüsse von dem Baum ernten, an dem ich jeden Tag vorbeifahre.